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22.10.2019 09:21

Von Altbergbau, Aborten und Anthropologie

Ein Stück Freiberger Stadtgeschichte neu aufgedeckt

Auch der Freiberger Oberbürgermeister Sven Krüger informierte sich über die Grabungsergebnisse (© LfA Sachsen).

Der Dom-Kirchhof erstreckte sich ursprünglich weit in den Untermarkt hinein. Unter dem Tunnelzelt erfolgte die Freilegung der Bestattungen (© LfA Sachsen).

Der wiederentdeckte Familienschacht (© LfA Sachsen).

Latrine im Hinterhof des Grundstückes Am Dom 2 (© LfA Sachsen).

Oberteil einer Schelle aus der Latrinenverfüllung (16./17. Jh.; © LfA Sachsen)).

Fingerhut aus der Latrinenverfüllung (16./17. Jh.; © LfA Sachsen)).

Freilegungsarbeiten im Kirchhofbereich, hier durchgeführt von Klaus Hammermüller (© LfA Sachsen).

Christiane Hemker präsentiert eine virtuelle Reise zu den Anfängen der Stadt – ermöglicht durch eine 3D-Brille (© LfA Sachsen).

Auf dem Freiberger Herbstfest am 06. Oktober präsentierten das Landesamt für Archäologie Sachsen und die Archäologische Gesellschaft in Sachsen die Grabungsergebnisse der Untersuchungen nahe des Freiberger Doms am Untermarkt, die aufgrund der Verlegung von Medienleitungen und einer geplanten Lückenbebauung am Stadt- und Bergbaumuseum Mitte 2018 bis Anfang 2019 durchgeführt wurden. Verantwortlich für die Durchführung der Grabungsarbeiten waren Anja Kaltofen und André Schindler.

Vielleicht überraschendstes Ergebnis der Ausgrabungen war die Wiederauffindung des Familienschachtes auf dem nördlichen Bereich des Untermarkts. Seine genaue Lage war in Vergessenheit geraten, trotz der Überlieferung, dass ihn schon Alexander von Humboldt befahren haben soll. Den Untersuchungen zufolge wurde der Schacht gegen 1850 abgedeckt, nachdem bereits 1786 Bergleute im Zuge von Aufwältigungsarbeiten hier einen älteren Stollen mit einer Fundtafel dokumentiert hatten. Die Bergsicherung Freiberg konnte den wiederentdeckten Zugang im Zuge der Maßnahme sichern.

Die Entdeckung einer neuzeitlichen Latrine sorgte für eine wahre Flut an Funden: Neben Münzen, Schellen, einer Buchschließe, Messergriffen, Keramikscherben und einem Fingerhut konnten hier überraschenderweise auch Murmeln freigelegt werden.

Latrinenbefunde haben in der Stadtkernarchäologie aufgrund ihres Fundreichtums eine große Bedeutung. Möglicherweise trägt der „spezifische Charakter des Fundmilieus“ dazu bei, dass eine Bergung verlorener Gegenstände eher ungern in Angriff genommen wurde und sie heutzutage so fundreich erscheinen.

Eine weitere spektakuläre Befundgruppe stellen 57 dokumentierte Körperbestattungen dar. Die obersten Gräber wurden etwa 60 cm unter der heutigen Oberfläche entdeckt und waren leider nur schlecht erhalten. Die Nutzung des Areals als Friedhof für die Bürger des Domviertels ist in etwa für die Zeit von 1180 bis 1520/1540 anzunehmen. Die anthropologische Diagnostik – Dr. Bettina Jungklaus zeichnete sich hier verantwortlich – konnte den Skeletten interessante Details über die Lebensumstände der Verstorbenen entlocken. Heraus ragen zwei Bestattungen: Eine Mehrfachbestattung aus dem 15. Jh. – zwei Jugendliche und zwei Kinder, deren Verwandtschaftsverhältnis mittels DNS-Untersuchung geklärt werden soll, und das Grab einer etwa 50 Jahre alten Frau, die eine Unterschenkelamputation etwa eine Handbreit unter dem rechten Knie aufwies. Über die Knochenstruktur konnte das gute Abheilen des Eingriffes dokumentiert werden, daher, so folgern die Wissenschaftler, könne man hier die professionelle Behandlung der Patientin vermuten.

Am Stand von LfA und AGiS konnte man neben der Darstellung der Grabungsergebnisse auf Postern auch einen virtuellen Ausflug in die Vergangenheit unternehmen: Eine 3D-Brille ermöglichte es, einen Ausflug in die Stadtgeschichte zu unternehmen. Zu sehen war ein Modell, welches eine 360° Rundumsicht bot und die geneigten Betrachter in das Jahr 1200 entführte.

Für ihre hervorragende Unterstützung zur Durchführung der Grabungen bedanken wir uns bei den zuständigen Bauämtern der Stadtverwaltung Freiberg.